Robin Hood ist eine der bekanntesten Figuren der englischen Folklore – ein Gesetzloser aus dem Sherwood Forest, der die Reichen beraubt, um den Armen zu helfen, und dabei dem Sheriff von Nottingham ein ums andere Mal entkommt. Die Legende ist über 700 Jahre alt, und sie erzählt bis heute dieselbe Geschichte: Ein Einzelner gegen ein System, das er für ungerecht hält.
Das erwartet euch in diesem Artikel
- Die Ursprünge der Legende
- Mögliche historische Wurzeln
- Vom Räuber zum Volkshelden: Die Entwicklung der Figur
- Die klassische Legende: Inhalt und Figuren
- Robin Hood in Film und Fernsehen
- Robin Hood und die Mittelalter-Szene
- Fazit: Warum die Legende nicht stirbt
Lesezeit ca. 7 min.Was macht diese Figur so dauerhaft faszinierend? Woher kam sie, wie veränderte sie sich – und was steckt historisch dahinter? Dieser Artikel gibt den Überblick.
Das Wichtigste auf einen Blick:
- Robin Hood taucht erstmals im späten 13. Jahrhundert als Spitzname für Gesetzlose auf – und in Balladen des 14./15. Jahrhunderts als literarische Figur.
- Die frühen Erzählungen zeigen ihn als gefährlichen Räuber, nicht als edlen Helden. Die Veredelung kam erst später.
- Historische Vorläufer sind dokumentiert: Robert Hod (1225), Roger Godberd, Willelmi Robehod (1262).
- Maid Marian und Friar Tuck kamen erst im 16. Jahrhundert durch die May Games-Tradition zur Legende hinzu.
- Die Verbindung zu König Richard Löwenherz ist eine spätere Erfindung – in den ältesten Balladen spielt er kaum eine Rolle.
Die Ursprünge der Legende

Die Figur von Robin Hood entstand nicht aus einem einzelnen Text oder Ereignis, sondern aus einer Tradition mündlicher Überlieferung. Schon im späten 13. Jahrhundert war „Robin Hood" in England ein gängiger Spitzname für Gesetzlose – das zeigen Gerichts- und Verwaltungsdokumente der Zeit. Der Name war so verbreitet, dass er geradezu zum Gattungsbegriff wurde.
Die ältesten erhaltenen literarischen Texte stammen aus dem 14. und frühen 15. Jahrhundert:
- Robin Hood and the Monk – ca. 1450, eines der ältesten erhaltenen Manuskripte
- A Gest of Robyn Hode – ca. 1450–1510, die umfangreichste frühe Balladensammlung
Diese frühen Texte zeigen eine andere Figur als die aus Filmen bekannte: Robin Hood ist ein harter, gelegentlich brutaler Gesetzloser, der im Sherwood Forest lebt und die Obrigkeit herausfordert. Der edle Räuber mit ritterlichem Ehrenkodex – das kam später.
Der historische Kontext erklärt, warum solche Figuren populär wurden: Das späte Mittelalter war eine Zeit massiver sozialer Spannungen, in der Steuerlast, Kirchengewalt und feudale Willkür das Leben der einfachen Bevölkerung prägten. Gesetzlose, die sich dem System entzogen, wurden in diesem Umfeld leicht zu Helden.
Mögliche historische Wurzeln
Ob ein realer Robin Hood existierte, ist bis heute ungeklärt – und wird es wohl bleiben. Mehrere historische Figuren könnten als Vorbilder oder Namensgeber gedient haben:
| Name | Zeitraum | Kontext |
|---|---|---|
| Robert Hod | 1225/26 | Erwähnt in Gerichtsaufzeichnungen in York als Flüchtiger |
| Willelmi Robehod | 1262 | In Berkshire-Dokumenten als Mitglied einer Räuberbande dokumentiert |
| Roger Godberd | ca. 1265–1272 | Gesetzloser und Unterstützer von Simon de Montfort; Parallelen zum Robin-Hood-Typus |
Sherwood Forest hatte dabei eine reale historische Bedeutung: Nach der normannischen Eroberung 1066 wurde das Gebiet zum königlichen Jagdwald erklärt. Wer dort ohne Erlaubnis jagte, brach das Forstrecht – eines der drakonischsten Rechtsregimes des Mittelalters. Der Wald als Rückzugsort für Gesetzlose war also keine literarische Erfindung, sondern gelebte Realität.
Vom Räuber zum Volkshelden: Die Entwicklung der Figur
Frühmittelalterliche Balladen (14.–15. Jahrhundert)
In den ältesten Texten ist Robin Hood kein edles Vorbild. Er ist rau, direkt und kämpft mit List und Gewalt gegen die Obrigkeit – vor allem gegen den Sheriff von Nottingham, der die staatliche Repression verkörpert. Little John und Will Scarlet tauchen als frühe Gefährten auf. Eine höfische Liebesgeschichte oder ein Ehrenkodex im ritterlichen Sinne: fehlt.
Romantisierung und Adelsherkunft (16.–17. Jahrhundert)
Ab dem 16. Jahrhundert wandelte sich das Bild grundlegend. Robin Hood wurde zum enteigneten Adligen gemacht – jemand, dem durch Intrigen sein rechtmäßiger Besitz geraubt wurde und der nun als Gesetzloser Gerechtigkeit einfordert. Diese Umdeutung gab der Figur eine edlere Aura und mehr moralisches Gewicht.
In dieser Zeit kamen auch die bekanntesten Nebenfiguren dazu: Friar Tuck (der kämpfende Mönch) und Maid Marian (Robins Geliebte) entstammten ursprünglich der volkstümlichen May Games-Tradition – Frühlingsfeste, bei denen Robin und Marian als Maikönig und Maikönigin auftraten. Ihre Integration in die Robin-Hood-Legende war ein kultureller Transferprozess, kein ursprünglicher Bestandteil.
Die romantische Verklärung (18.–19. Jahrhundert)
Im 19. Jahrhundert, mit der Romantik und dem aufkommenden Nationalbewusstsein, wurde Robin Hood zur Symbolfigur der englischen Freiheit. Schriftsteller wie Sir Walter Scott griffen die Figur auf und verknüpften sie mit Themen wie Ritterlichkeit und nationalem Erbe. Das Bild des edlen Räubers, der für die Armen kämpft und dem König treu ist, während er gegen tyrannische Vertreter der Obrigkeit vorgeht, wurde hier zum Kanon.
Es ist auch die Epoche, in der die Verbindung zu König Richard I. Löwenherz (1189–1199) und seinem Bruder Prinz John als Antagonist fest in der Legende verankert wurde. In den ältesten Balladen spielt Richard kaum eine Rolle – diese Verknüpfung ist eine spätere dramaturgische Erfindung, die der Geschichte eine historische Rahmung gab.
Die klassische Legende: Inhalt und Figuren

In der heute bekanntesten Form umfasst die Robin-Hood-Legende folgende Kernelemente:
- Robin Hood lebt mit seiner Bande im Sherwood Forest und beraubt reiche Reisende, Kleriker und Staatsvertreter
- Das erbeutete Gut wird – zumindest in der Tradition – an die Armen weitergegeben
- Der Sheriff von Nottingham ist der Hauptgegner: Vertreter staatlicher Willkür und Korruption
- Robin ist König Richard I. treu und kämpft gegen die Misswirtschaft unter dessen Bruder Prinz John
- Die Liebesgeschichte mit Maid Marian gibt der Legende eine persönliche, romantische Ebene
Die Merry Men
Robin Hoods Gefährten – die Merry Men – sind feste Bestandteile der Legende und haben je eine eigenständige Funktion:
- Little John – Robins engster Vertrauter und körperlich stärkster Kämpfer; taucht bereits in den ältesten Balladen auf
- Will Scarlet – ebenfalls früh belegt, Robins Cousin in manchen Versionen
- Friar Tuck – der kämpfende Mönch, ab dem 16. Jahrhundert fester Bestandteil; verkörpert eine ironische Verbindung von Klerus und Gesetzlosigkeit
- Much the Miller's Son – einer der ältesten genannten Gefährten in den Balladen
Maid Marian
Maid Marian ist keine Merry Man – sie ist Robins Geliebte und in späteren Versionen eine eigenständige Handlungsträgerin. Ursprünglich aus der May Games-Tradition stammend, entwickelte sie sich zur mutigen Verbündeten, die Robin in seinen Kämpfen unterstützt. Die Liebesgeschichte zwischen beiden ist das emotionale Zentrum der neueren Versionen der Legende.
Nottingham Castle
Die Burg des Sheriffs ist mehr als Kulisse – sie ist das Symbol der Staatsgewalt, gegen die Robin Hood antritt. Historisch war Nottingham Castle eine bedeutende normannische Festung, die tatsächlich eine wichtige Rolle in den Machtkämpfen des englischen Mittelalters spielte.
Robin Hood in Film und Fernsehen
Keine andere mittelalterliche Legendenfigur wurde häufiger verfilmt. Die Adaptionen spiegeln jeweils die kulturellen Werte ihrer Entstehungszeit wider:
| Jahrzehnt | Bedeutende Adaption | Prägender Ton |
|---|---|---|
| 1920er | Robin Hood (1922, Stummfilm, Douglas Fairbanks) | Heroisch, spektakulär, romantisch |
| 1930er | The Adventures of Robin Hood (1938, Errol Flynn) | Klassisch-abenteuerlich, farbenprachtig |
| 1950er–60er | The Adventures of Robin Hood (TV-Serie, 1955–1960) | Familienfreundlich, episodisch |
| 1970er | Robin Hood (Disney-Animation, 1973) | Humorvoll, für Kinder |
| 1980er | Robin of Sherwood (ITV, 1984–1986) | Mystisch, düster, folkloristisch |
| 1990er | Robin Hood: Prince of Thieves (1991); Robin Hood: Men in Tights (1993) | Blockbuster-Action; Parodie |
| 2000er–10er | Robin Hood (BBC-Serie, 2006–2009); Robin Hood (Ridley Scott, 2010) | Realistisch, politisch, historisch |
Was sich durch alle Adaptionen zieht: Die Grundspannung zwischen Individuum und System, zwischen Recht und Gesetz. Je nach Epoche wird mal die Abenteuerlust, mal die politische Botschaft, mal die romantische Liebesgeschichte in den Vordergrund gestellt – aber die Figur bleibt erkennbar.
Robin Hood und die Mittelalter-Szene

Robin Hood ist für LARP, Reenactment und Mittelaltermarkt ein dankbares Thema – und gleichzeitig ein Paradebeispiel dafür, wie Legende und Geschichte ineinandergreifen. Wer einen Geächteten des englischen Hochmittelalters spielt, bewegt sich in einer klar definierten Welt: Forstrecht, Lehnssystem, Korruption der lokalen Amtsträger, der Gegensatz zwischen normannischem Adel und angelsächsischer Bevölkerung.
Das Wissen um die historischen Hintergründe – das Forstrecht, die May Games, die sozialen Spannungen des 13. Jahrhunderts – macht einen Robin-Hood-Charakter tiefer und glaubwürdiger als die Filmversion. Und die richtige Gewandung macht den Rest: Bei vehi-mercatus findest du Kleidung und Accessoires, die zum Charakter des mittelalterlichen Outlaws passen.
Fazit: Warum die Legende nicht stirbt
Robin Hood begann als Spitzname für Kriminelle, wurde zur Balladenfigur, dann zum edlen Räuber, dann zum romantischen Helden, dann zum Filmstar. Jede Generation hat ihn neu interpretiert – und dabei das Gleiche gesucht: eine Geschichte darüber, was passiert, wenn das Recht und die Gerechtigkeit auseinanderfallen.
Das macht ihn zeitlos. Nicht das Bogenschießen, nicht der grüne Umhang – sondern die Frage, ob ein Mensch das Recht hat, sich gegen Unrecht zu stellen, auch wenn das Unrecht legal ist.









