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Zeitgeschichte der Wikinger

Wikinger auf dem Klo – wo und wie die Nordmänner ihre Notdurft verrichteten

Wo verrichteten Wikinger eigentlich ihre Notdurft? Archäologische Funde geben überraschende Einblicke in den Alltag der Nordmänner – von einfachen Gruben bis zu gemeinschaftlichen Anlagen.

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Die Legende zeichnet die Wikinger vor allem als Krieger, Seefahrer und Eroberer – Männer mit Waffen in der Hand, die von Skandinavien aus bis nach Russland, Frankreich, Deutschland und England vorstießen. Sogar die Normannen, die 1066 England eroberten, gingen über ihren Anführer Rollo auf Wikinger zurück, die sich rund 150 Jahre zuvor in Nordfrankreich niedergelassen hatten. Doch diese Vorfahren waren ebenso Familienmenschen, Händler und Bauern, die einen ganz normalen Alltag führten.

Wichtigste Erkenntnisse auf einen Blick

  • Wikinger legten trotz fehlendem einheitlichem Toilettensystem durchaus Wert auf Hygiene – je nach Status und Ort nutzten sie Erdlöcher, Stallbereiche oder überbaute Aborte.
  • Das vermutlich älteste bekannte Klo Dänemarks stammt aus der Wikingerzeit und wurde in der Gemeinde Stevns in Südostdänemark entdeckt – ein rund zwei Meter tiefes Loch, das Analysen zufolge menschliche Exkremente enthielt.
  • Fäkalienfunde sind für Archäologen ein einzigartiges Archiv: Pollen, Parasiten und Speisereste verraten mehr über Ernährung und Alltag der Nordmänner als manches Schwert oder Schild.
  • Wikinger verwendeten kein modernes Toilettenpapier – stattdessen kamen Moos, Gras, Stoff- oder Wollfetzen und glatte Holzstäbchen zum Einsatz.
  • Andere Kulturen wie die Sumerer im heutigen Irak oder die Römer waren den Wikingern in Sachen Sanitärtechnik deutlich voraus.

Einführung: Wikinger, Alltag und das „stille Örtchen"

Archäologische Funde belegen zahlreiche Hygieneartikel wie Kämme und Rasiermesser – die Körperpflege genoss bei nordischen Männern durchaus einen gewissen Stellenwert, und Wikinger galten für ihre Zeit als vergleichsweise gepflegt. Ein Thema kommt jedoch selbst in Wissensformaten wie „Terra X" meist zu kurz: Wo und wie verrichteten die Nordmänner ihr Geschäft?

Die Wikingerzeit erstreckte sich von etwa 793 bis 1066 n. Chr. und umfasste Siedlungen wie Haithabu, Birka, Ribe und Kaupang. Gerade Funde von Latrinen, Gruben und Fäkalien helfen dabei, den Alltag jenseits von Schlachten und Raubzügen zu rekonstruieren – ein Thema, das überraschend aufschlussreich ist.

Archäologischer Knüller: das älteste Wikinger-Klo Dänemarks

Wikinger Hygiene: Tiefe Grube mit Stroh, Moos und Stofflappen als mittelalterliche Latrine

In der Gemeinde Stevns auf der Insel Seeland machten Archäologen des Museums Südostdänemark unter Leitung von Anna S. Beck einen spektakulären Fund: Bei Grabungen auf einem Hof namens Toftegård in der Ortschaft Strøby dokumentierten sie ein rund zwei Meter tiefes, senkrechtes Loch, das bis oben mit organischem Material gefüllt war. Zunächst hielt man es für ein sogenanntes Grubenhaus, eine halb eingetiefte Werkstatt – erst die genauere Untersuchung zeigte, dass es sich um etwas völlig anderes handelte. Analysen bestätigten, dass die Füllung menschliche Exkremente enthielt, keine gewöhnliche Stall- oder Mistgrube.

Radiokarbondatierungen und Pollenanalysen verorten die unterste Schicht eindeutig in die Wikingerzeit. Zwei gefundene Pfostenlöcher deuten darauf hin, dass über der Grube ein freistehendes, hölzernes Häuschen stand – ein schlichter Bau mit Wänden und vermutlich einem Dach. Die hohe Konzentration mineralisierter Samen, Pollen und Fliegenpuppen in der Schicht passt genau zu diesem Bild: Der auffällig hohe Pollenanteil stammte vermutlich von Honig, der als menschliche Nahrung diente und nicht als Tierfutter – ein Indiz dafür, dass es sich tatsächlich um menschliche und nicht um tierische Hinterlassenschaften handelte.

Dieser Fund rüttelt an bisherigen Annahmen. Lange ging man davon aus, Wikinger hätten ihre Notdurft überwiegend im Stall bei den Tieren oder einfach im Freien verrichtet. Nun steht fest: Auch auf dem Land existierten feste, überbaute Toilettenanlagen – vermutlich sogar häufiger, als bislang erkannt, denn organisches Material zerfällt über die Jahrhunderte oft spurlos.

Wo die Wikinger wirklich aufs Klo gingen: Stall, Grube oder Aborthaus?

Die Nutzungsgewohnheiten unterschieden sich stark nach sozialem Status, Siedlungstyp und Region. Auf dem Land nutzten Wikinger häufig einfach die freie Natur. Vielerorts dienten auch Ställe als Ort der Notdurft – die Ausscheidungen von Mensch und Vieh landeten dabei in derselben Mistgrube. Praktisch für die spätere Düngung der Felder, aus heutiger Sicht aber hygienisch bedenklich.

In größeren Siedlungen fanden Archäologen dagegen echte Latrinen: einfache, gegrabene Löcher hinter den Langhäusern, gelegentlich mit Holzbohlen eingefasst. In dicht bebauten Handelsplätzen wie Haithabu oder Ribe stand weniger Raum zur Verfügung, weshalb hier vermutlich häufiger feste Latrinen mit Abflussrinnen in Richtung Gewässer zum Einsatz kamen. Auch in den Wikingerstädten York und Dublin wurden toilettenartige Konstruktionen entdeckt – bei den berühmten Ausgrabungen in Coppergate in York etwa fanden sich gut erhaltene Latrinengruben samt Inhalt, dank der feuchten, sauerstoffarmen Bodenverhältnisse der Stadt.

An Bord der berühmten Langschiffe sah die Lage anders aus: Feste, eingebaute Toiletten sind archäologisch nicht nachgewiesen. Seefahrer erledigten ihre Notdurft während der oft monatelangen Fahrten wahrscheinlich über der Reling oder in Eimern, die anschließend ins Meer entleert wurden. Auch Nachttöpfe oder einfache Holzgefäße in den Häusern sind denkbar, auch wenn solche Gefäße archäologisch nur selten erhalten bleiben.

Die Exkremente aus Stall und Grube konnten zudem als Dünger dienen – ein pragmatischer Kreislauf, der das Leben auf den Höfen eng mit der Nahrungsmittelproduktion verband.

Wie sah eine Wikinger-Toilette aus – und wie benutzte man sie?

Wikinger Hygiene: Einfacher Holzlatrinenrahmen mit Sitzbrett und Loch über einer Grube mit Stroh Frühe Latrine in Skara Brae – wikingerzeitliche Darstellung von Hygiene und Abwassersystem

Ohne fließendes Wasser waren Wikinger-Toiletten denkbar einfach organisiert. Die Konstruktion bestand meist aus einem Sitzbrett mit Loch, montiert auf einem hölzernen Rahmen über einer Grube. In wohlhabenderen Haushalten gab es womöglich Umhausungen aus Flechtwerk mit Lehmverputz sowie einen Vorhang oder eine einfache Holztür. Am Boden lag häufig Stroh oder Reisig. Kunstvolle Keramikschüsseln, wie man sie von den Römern kennt, suchte man bei den Wikingern vergeblich.

In Latrinen wurden Exkremente häufig mit Erde, Asche oder Torf bedeckt, um Feuchtigkeit und Gestank zu reduzieren. Im Winter war der Abort kalt und zugig, im Sommer summten Fliegen – ein Teil des Fundmaterials aus Stevns bestand tatsächlich aus Fliegenpuppen.

Modernes Toilettenpapier kannten Wikinger nicht. Stattdessen griffen sie zu Moos, Grasbüscheln, Tierwolle oder glatten Holzstäbchen. Auch Stoff- oder Leinenfetzen und Laub kamen infrage. Die Römer nutzten bekanntlich Schwämme an Stöcken, doch dafür gibt es bei den Wikingern keine archäologischen Belege. Jeder behalf sich mit dem, was gerade verfügbar war.

Ob man dabei saß oder hockte, hing von der jeweiligen Konstruktion ab: Einfache Gruben erforderten das Hocken, dauerhafte Aborte mit festem Sitzbrett erlaubten ein bequemeres Sitzen – vor allem in größeren, zentralen Siedlungen.

Was Fäkalien über Wikinger verraten: Ernährung, Parasiten und Umwelt

Kotproben aus Latrinen werden heute mit Mikroskopie, DNA-Analysen und Pollenuntersuchungen ausgewertet. Aus Ribe, der ältesten Stadtsiedlung Dänemarks, stammen Nachweise von Parasiteneiern aus der Zeit um 750 bis 800 n. Chr. – darunter Peitschenwurm, Spulwurm, Bandwurm und der Leberegel Fasciola hepatica. Diese Mitbewohner deuten auf verunreinigtes Wasser, enges Zusammenleben mit Tieren und mangelhafte Handhygiene hin.

Die Ernährung der Wikinger war dabei abwechslungsreicher, als es das Klischee von Fleisch und Met vermuten lässt: Getreidepollen von Gerste, Roggen und Hafer, Pflanzenreste von Kohl, Lauch und Hülsenfrüchten sowie Fischgräten belegen eine vielseitige Kost. Hohe Konzentrationen bestimmter Pollenarten lassen zudem Rückschlüsse auf saisonale Nutzung und die umliegenden Felder zu. Solche Untersuchungen helfen dabei, die Geschichte der Wikinger nüchtern und datenbasiert zu erzählen – als aufschlussreiche Ergänzung zu den bekannten Sagas.

Vom Wikingerklo zur modernen Toilette: Einordnung in die Geschichte der Hygiene

Im Vergleich zu anderen Kulturen waren die Wikinger sanitärtechnisch eher Nachzügler. Im schottischen Skara Brae auf Orkney gab es bereits vor rund 5.000 Jahren kleine, an ein gemeinsames Abflusssystem angeschlossene Räume, die als Latrinen dienten und mit Wasser gespült werden konnten. Im heutigen Irak nutzten wohlhabende Haushalte im antiken Ur vor etwa 4.000 Jahren Tonrohre unter steinernen Sitzen, durch die Wasser die Abfälle in Kanäle spülte. Auch auf Kreta verfügten die minoischen Paläste über ausgeklügelte Abwassersysteme. Im antiken Rom schließlich gab es öffentliche Latrinen mit Platz für teils 50 bis 60 Personen gleichzeitig – eine Welt gemeinschaftlicher, aber technisch aufwendiger Sanitäranlagen, die den Wikingern fremd war.

Nach dem Zerfall des Weströmischen Reiches folgte in weiten Teilen Europas ein sanitärtechnischer Rückschritt. Im Mittelalter dominierten einfache Lösungen: Burgen mit vorspringenden „Aborterkern", einfache städtische Plumpsklo-Anlagen und offene Abwasserrinnen entlang der Straßen. Erst 1596 beschrieb der englische Höfling Sir John Harington die erste funktionierende Wasserspülung, wenn auch mit erheblichen Mängeln bei der Geruchsabdichtung. Erst der Schotte Alexander Cumming verbesserte das Prinzip 1775 entscheidend durch den Siphon, der Kanalgase zuverlässig zurückhielt – der eigentliche Grundstein der modernen Toilette.

Toilettenpapier, wie wir es heute kennen, ist ein vergleichsweise junger Markenartikel; über lange Zeit dienten Zeitungspapier oder ähnliche Materialien als Ersatz. Am 19. November wird jedes Jahr der Welt-Toiletten-Tag der Vereinten Nationen begangen, der daran erinnert, dass noch immer mehreren Milliarden Menschen weltweit eine sichere sanitäre Grundversorgung fehlt. Die Wikinger hätten wohl staunend auf eine moderne Stadt mit Kanalisation geblickt – ihr Erbe lebt dennoch in den Latrinen weiter, die Archäologen bis heute mit modernster Technik erforschen.

Häufige Fragen zu Wikinger-Toiletten (FAQ)

Hatten alle Wikinger Zugang zu einer festen Toilette?

Nein. Feste, überbaute Latrinen kamen eher in größeren Siedlungen und wohlhabenderen Haushalten vor. Einfache Leute auf dem Land nutzten meist provisorische Gruben, Stallbereiche oder einfach die freie Natur. Der soziale Status entschied maßgeblich darüber, wie komfortabel der Abort ausfiel.

Gab es an Bord der Langschiffe spezielle „Schiffsklos"?

Feste Bordtoiletten sind archäologisch nicht nachgewiesen. Seefahrer und Krieger verrichteten ihre Notdurft wahrscheinlich über der Reling oder in Eimern, die ins Meer entleert wurden – auf monatelangen Fahrten ein unhygienischer, aber wohl alternativloser Alltag.

Roch es in Wikingersiedlungen besonders stark nach Fäkalien?

Gerüche waren aufgrund fehlender Kanalisation allgegenwärtig, mischten sich aber mit Stallgerüchen, Rauch und Fisch. Das war kein spezielles „Wikingerproblem", sondern ein ganz allgemeines Phänomen im frühmittelalterlichen Europa.

Wurden Fäkalien der Wikinger gezielt als Dünger eingesetzt?

Vieles deutet darauf hin. Mist aus Stallgruben, vermischt mit menschlichen Exkrementen, wurde auf den Feldern ausgebracht. Das steigerte die Erträge, konnte zugleich aber Parasiten weiterverbreiten – ein Kreislauf, den man erst Jahrhunderte später vollständig verstand.

Warum beschäftigen sich moderne Forscher so intensiv mit alten Latrinen?

Latrinen sind ein einzigartiges Archiv: Sie liefern gleichzeitig Informationen über Ernährung, Umwelt, Krankheiten und Alltagsgewohnheiten. Gerade bei einer Kultur wie den Wikingern, die selbst kaum eigene schriftliche Aufzeichnungen hinterließen, sind solche Funde unverzichtbar – aufschlussreicher als so manche Heldensage.

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